Eine Orgel für Tennenbronn

Auszug aus "Versuch einer Aufarbeitung von Helmut Franke"

Eine neue Orgel für Tennenbronn

Orgelbau MerklinSie sind glücklicherweise nicht ganz von der Bildfläche verschwunden, die herrlichen Instrumente von August Merklin, der im ausgehenden 19. und beginnenden 20.Jahrhundert in Freiburg eine angesehene Orgelbau-Werkstatt führt.

Ohne jede Gegenstimme wird damals (1903) mit 26 Ja-Stimmen die Anschaffung einer Merklin-Orgel für die neue Tennenbronner Pfarrkirche befürwortet, und diese gehört, gemessen an den einmanualigen Dorfkirchenorgeln des Schwarzwaldes, die leider inzwischen weitgehend "ausgerottet" und durch zum Teil "gesichtslose" 08/15-Instrumente ersetzt wurden, durchaus zu den "größeren" Werken, denn immerhin entscheidet man sich für 12 Register, verteilt auf zwei Manuale und Pedal. Und man trifft eine Entscheidung, die selbst noch in manchen heutigen Gemeinden - egal, welcher Konfession zugehörig - zu Diskussionen führt: August Merklin ist Katholik!

Der erste Weltkrieg

Am 13.Januar 1917 trifft dann der Brief der Briefe ein, wie fast alle Kirchengemeinden ihn erhalten: Alle aus Zinn gefertigten Prospektpfeifen der Orgel sind zu Rüstungszwecken abzuliefern!

"Zwischen den Zeiten"

Orgelbau Merklin

Die Kriegszeit ist mit der Grund, daß der Orgelpflegevertrag mit Merklin im Jahr 1914 nicht weiter verlängert wird, auch wenn dieser noch bis 1918 die Orgel stimmt. Nach erster "Tuchfühlung" am 23.März 1919 wird die vertragliche Pflege - aus Kostengründen? - nunmehr an die "Orgelbau-Anstalt" Philipp Ziegler in Steinsfurt / Baden übertragen.

Orgelbau Merklin

Im Frühjahr 1921 trägt sich die Gemeinde Tennenbronn mit der Absicht, die 1903 erbaute Orgel ausreinigen zu lassen. Hier kommt das erste Mal seit dem Bau in einem Postkartenwechsel zwischen der Kirchengemeinde und dem Orgelbaukommissär Barner die Firma Voit aus Karlsruhe / Durlach ins Gespräch, die inzwischen in Mönchweiler ein Instrument gebaut hat.

Im Juli 1927 ergeht dann vom Oberkirchenrat betreffs der Instandhaltung und regelmäßigen Stimmung der Orgeln ein Hinweisschreiben an alle Kirchengemeinden, daß Orgeln alle fünfzehn bis zwanzig Jahre gründlich renoviert werden müssen - das gilt übrigens auch heute noch.

Die elektrische Windversorgung

Am 24.April 1940 ergeht an die Firma Walcker die Anfrage, ob es möglich ist, einen Motor mit Ventilator für die Orgel zu erwerben. Und tatsächlich kann Walcker einen gut erhaltenen gebrauchten Motor für 220,-- RM anbieten. Der Kirchengemeinderat entscheidet sich mutig für die Anschaffung des Motors, da es sich ja hierbei weder um eine Neuanschaffung, die den Produktionsmarkt belastet, noch um einen schwierigen Einbau, der Baumaterial erfordert, handelt. Die Tretanlage soll aber wegen häufigerer Stromsperren erhalten bleiben.

Plötzlich erscheint es, als wäre die Zeit zurückgedreht: Am 3.April 1944 erreicht die Kirchengemeinde die Anordnung M 66 der Reichstelle Eisen und Metalle über Beschlagnahme und Ablieferung von Orgelpfeifen und Windleitungen.

Das Ende der Merklin-Orgel?

Orgelbau Merklin

In einem Brief vom 24.6.1955 an den Oberkirchenrat steht dann auch der aus heutiger Sicht verhängnisvolle Satz: Da die Finanzlage der Gemeinde, durch beträchtliche Erhöhung der Steuereinnahmen zur Zeit gut ist, hat der Kirchengemeinderat beschlossen, die Gelegenheit zu einer umfassenden Modernisierung der Orgel zu benutzen. Gott sei Dank, nicht zu einem totalen Neubau unter Verwerfung des alten Bestandes. Und am Ende steht dann auch: Trotzdem lohnt sich eine Reparatur, da das Pfeifenmaterial noch sehr gut ist (fast alles Zinn). Hier findet sich die Bestätigung, daß das Jahr 1944 mit seiner Orgelpfeifenerfassung wohl glimpflicher am Instrument vorübergezogen ist als der "kleine Reichtum der 50er-Jahre".

Orgelbau MerklinGlücklicherweise sind immerhin noch über 2/3 des ursprünglichen Bestandes der Merklin-Orgel vorhanden, wenn auch mit der Einschränkung etlicher zum Teil deutlich umgestalteten Pfeifen. Im Mai 1956 ist es dann soweit, die August Merklin-Orgel von 1903 wird demontiert und zur Umarbeitung nach Öttingen verbracht. Die Einweihung findet am 16.September statt, rechtzeitig vor der am 23.September beginnenden Visitation.

Am 10.Juni 1973 wird ein neuer Wartungsvertrag mit der Orgelfirma Georges Heintz in Schiltach geschlossen. Seit dieser Zeit liegt die Pflege des Instruments konstant in den Händen der Firma Heintz und die einhundert Jahre alte, von Steinmeyer modifizierte Merklin-Orgel erfreut diejenigen Organisten sehr, die es verstehen, mit einem solchen Instrument umzugehen.

Die Kirchengemeinde Tennenbronn besitzt nicht irgendeine Orgel, sondern ein Stück höchst lebendiger 100jähriger Geschichte; möge die Merklin und Steinmeyer-Orgel noch lange erklingen und die Gemeinde erfreuen — und mögen Fehler der Vergangenheit, in der das Neue, Andere und nur vermeidlich Bessere und nicht das Bewährte, Kostbare, Bewahrenswerte im Blick war, durch das kluge Handeln weiser Ältester und Gemeindeglieder vermieden werden.

Helmut Franke, Kantor

St.Georgen, im April 2003

Die komplette Abhandlung als Druckversion (650 KB)

Datei: orgel.htm; zuletzt geändert am 30. 10. 2007